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Littleton, Erfurt, Coburg - die Kette der mörderischen Amoktaten
von Jugendlichen reißt nicht ab. Politiker versuchen dieses grausame
Gesellschaftsphänomen in all ihrer Ratlosigkeit durch strenge Waffengesetze
zu bekämpfen, um dem Volk vorzugaukeln, sie hätten "etwas
unternommen". Doch die Probleme liegen anscheinend ganz woanders.
Die Tageszeitung "Die Welt" veröffentlichte einen Bericht
(erschienen am 4. Jul 2003) über den US-Amerikaner Dave Grossman,
der international als Experte für Tötungsdelikte und Amoktaten
gilt. Der Ex-Elitesoldat, Professor für Psychologie an der Militärakademie
West Point und Inhaber des Lehrstuhles für Militärwissenschaft
an der State University von Arkansas erklärt, warum kindliche Amokschützen
so gut treffen.
Militärwissenschaftlich ist es erwiesen, daß der Mensch
nicht zum töten der eigenen Spezies geboren ist. Noch im WKII feuerten
nur 15 bis 20% der Männer an der Front ihre Waffe auf den Gegner
ab. Der große Rest tat alles, dies zu vermeiden. Nicht aus Feigheit,
sondern um nicht töten zu müssen. Viele gingen dafür
Risiken ein, die beträchtlich höher waren, als wenn sie ihre
Pflicht erfüllt hätten. Sie holten Munition, bargen Kameraden
oder stellten sich tot, bloß um nicht schießen zu müssen.
Daß trotzdem so viele auf den Schlachtfeldern blieben, dafür
sorgte die Artillerie und Bomben. Es gibt einen mächtigen inneren
Widerstand gegen das töten seinesgleichen. Niemand weiß das
besser als die Militärs, deren Sorge es ist, wie er überwunden
werden kann.
Im Vietnamkrieg hatten sie ihr Ziel erreicht. 95% der GIs feuerten
ihre Waffe auf den Feind ab - das Ergebnis einer Konditionierung, die
das Gesicht der Schlacht verändert hat. Mit Konditionierung kann
man jeden dazu bringen zu töten. Und das, so Grossman, hat fatale
Nebenwirkungen. Denn derzeit setzt die Unterhaltungsindustrie alles
daran, Kinder so zu drillen wie das Militär die Rekruten.
Im WKII haben es die Militärs gelernt wie wenig das herkömmliche
Schießtraining taugt, aus einem friedliebenden Bürger einen
kampfeslustigen Soldaten zu machen. Wer auf Scheiben zielt, übt
sich in der Schießkunst, aber nicht zum Töten. Heute sind
interaktive Kampfsimulationen in Gebrauch, die wie Flugsimulatoren für
Piloten ein Reiz-Reaktion-Schema drillen, bis es so in Fleisch und Blut
übergegangen ist, daß es im Ernstfall automatisch abläuft.
Sowohl der " Multipurpose Arcade Combat Simulator " ( MACS)
der US Army als auch der " Fire Arms Training Simulator "
( FATS ) der Polizei haben ihre Wurzeln in der Unterhaltungsindustrie.
MACS ist eine Modifikation von Super Nintendo "Duck Hunt"
und FATS ist aus dem Videospiel "Time Crisis " entstanden.
Es sind ausgezeichnete Übungsgeräte für Soldaten und
Polizisten meint Grossmann.
Das Problem ist, daß wir Kinder damit spielen lassen, denen kein
Drill Sergeant sagt, was sie tun und was sie nicht tun dürfen.
In Arkansas töteten zwei Jungen im Alter von 11 und 13 Jahren
vier Schüler und einen Lehrer und verletzten zehn weitere Schüler
schwer. Die beiden Täter, von denen der eine einmal eine Schußwaffe
in der Hand gehabt hatte, feuerte aus fast 100 Meter Entfernung und
trafen mit 27 Schuß - 15 Menschen. Militärexperten staunten
über die Schießleistung der Kinder und darüber, daß
sie ihre Opfer nach allen Regeln der Kunst in einer definierten "Killerzone"
getroffen hatten.
Der 14jährige Michael Cernal, der in Paducah, Kentucky, mit einem
gestohlenen Gewehr auf Schüler schoß, hatte vorher noch nie
eine Feuerwaffe betätigt. Er schoß achtmal und traf achtmal,
davon fünfmal in den Kopf und dreimal in die Brust. Das FBI sagte,
ein durchschnittlicher Beamter träfe unter gleichen Bedingungen
höchstens einmal bei 5 Schuß. Die Erklärung für
Michaels traurigen Rekord war : Er hatte, wie die Kinder von Jonesboro,
zuvor schon Tausende erschossen. Hatte Hunderte von Stunden am Videospiel
verbracht, viel mehr Zeit fürs Training aufgewendet, als ein Polizist
es je könnte.. Michael Carneal bewegte sich nicht von der Stelle,
während er in einem genau definierten Bereich feuerte : dem Rechteck
des Bildschirms, den er vor seinem geistigen Auge hatte. Und wie im
Videospiel schoß er pro Ziel nur einmal - möglichst auf den
Kopf, weil das die meisten Bonuspunkte gibt. Dylan Klebold und Eric
Harris, die das Schulmassaker an der Columbine School in Littleton,
Colorado veranstalteten, das 15 Tote forderte, setzten einen neuen Rekord.
Harris hatte seine Version vom Video " Doom" so weit umprogrammiert,
daß es der Gegend glich, in der er lebte, inklusive der Häuser
von Nachbarn, die er haßte. Die Gewaltorgien in TV und Kino konsumieren
Teenager mit Softdrinks und Schleckereien. Rund 200 000 Gewaltakte und
400 000 Morde hat ein 18jähriger Amerikaner schon gesehen, vieles
im frühen Kindesalter.
Wer je ein Gewaltvideo spielte, fühlt selbst, wie dabei der Aggressionsspiegel
steigt. Und wer als Hauptproblem dafür einfach die Schußwaffen
verantwortlich macht, die seien in den USA immer in Reichweite gewesen
meint Grossman, die Frage ist, warum die Kinder jetzt danach greifen!
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